Das zentrale Portal zum Globalen Lernen und
zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

Newsletter Mai 2018: Nachhaltige Energiekonzepte

0
Photo by NASA on Unsplash

"Hauptsache Solarenergie?"

"Wo kann ich den bestellen, um ihn zu unserer Partnergemeinde nach Afrika zu schicken?" Die Besucherin in unserem Energieerlebnispark ist völlig begeistert von einem der Solarkocher, in dessen Brennpunkt sogar am nördlichsten Zipfel Deutschlands nach wenigen Minuten ein Blatt Papier entzündet werden kann. Nur schwer ist sie davon zu überzeugen, dass so einfach der Regenwald nicht gerettet werden kann und zunächst eine genauere Bestandsaufnahme notwendig ist, um herauszufinden, ob eine entsprechende Initiative überhaupt sinnvoll sein kann.

Auch beim Thema erneuerbare Energien gilt: Gut gemeint ist noch lange nicht gut. Typische Fehler in der Projektplanung werden nicht besser, wenn es um Solarenergie geht. Dass neue Großwasserkraftwerke oft mehr schaden als nutzen, hat sich herumgesprochen, aber auch mit Sonne, Wind und Co. werden zuweilen Probleme geschaffen, die es vorher nicht gab – und nicht allein durch die großen Entwicklungsorganisationen, sondern auch durch kleine NGOs. Ein Brunnen mit Solarpumpe mitten im Dorf, um den Frauen lange Wege zu ersparen hört sich gut an. Doch wem gehört der Standort und das Recht des Wasserverkaufs? Verdienten sich einige Frauen zuvor etwas durch Wasserverkauf hinzu? Gibt es in der Nähe des Standortes Plumpsklos oder gar traditionelle Begräbnisstellen? Wer hält ihn frei von Hunden und anderen Tieren, wartet und repariert die Anlage?

Schlechtes Gewissen und mitgebrachte Geschenke tragen dazu bei, dass unzählige Solarkocher ungenutzt umherstehen, weil traditionell nicht mittags warm gekocht wird; der Aufbau wirtschaftlicher Vertriebsstrukturen für Solar Home Systems, Wartung und Ersatzteile leidet in vielen Ländern darunter, dass verschenkte Systeme die Preise kaputt machen und die Erwartung nach weiteren Geschenken beflügeln, statt Kleinkreditstrukturen zu entwickeln. Stromleitungen von Windparks zur nächsten Stadt über nicht angeschlossene Dörfer hinweg fördern nicht die Akzeptanz der dortigen Bevölkerung. Falsch oder gar nicht gewartete Photovoltaikanlagen können schnell dazu führen, dass Schulen und Gesundheitsstationen wieder zum vertrauten Dieselgenerator zurückkehren.
An mangelnder Partizipation, Qualifikation und längerfristiger Verantwortungsstruktur scheitern oft Projekte, die damit auch für andere Initiativen in der Region erneuerbare Energien als Risikotechnologie erscheinen lassen.

Dabei sind die Anschaffungskosten für Solarlampen, kleine und große Photovoltaikanlagen heute längst niedriger als Kerosin, Diesel und konventioneller Strom, soweit er nicht staatlich subventioniert oder Solartechnik durch Importzölle behindert wird.
Erfahrene NGOs und immer häufiger auch formale Ausbildungseinrichtungen verbinden deshalb Technik- und Existenzgründerkurse mit Anregungen für Kleinkreditstrukturen und Wartungsfirmen und haben damit nachhaltig Erfolg; das Beispiel der Grameen Bank in Bangladesch hat in vielen Ländern zu dort angepassten und erfolgreichen Initiativen geführt. Zuverlässiger Zugang zu Energie auf dem Land löst nicht alle Probleme, ist aber eine wichtige Voraussetzung dafür.

Seit fast 30 Jahren führen wir Workshops, Kurse und Exkursionen für ausreisende Entwicklungskooperant/-innen, NGOs und weltwärts-Vorbereitungen, Regionalplaner/-innen und Berufsschullehrer/-innen durch, um zu vermitteln, dass ergebnisoffene und interdiszipinäre Prozesse ebenso wichtig sind wie die Zuverlässigkeit der Technik, dass sie an die Bedürfnisse der Menschen angepasst werden muss und nicht umgekehrt. Dann kommt sie vielleicht erfolgreich zum Einsatz – oder auch nicht: Statt des kostenintensiven Solarkochertransfers halfen den afrikanischen Partner/-innen einige Workshops zum Bau lokaler Lehm- und Metallherde weiter, mit denen auch abends brennholzsparend gekocht werden kann.

Dieser Newsletter stellt eine Auswahl an Bildungsmaterialien, Filmen, Aktionen und auch Hintergrundinformationen zum Thema erneuerbare Energien, Zukunft der Stromversorgung und global gerechter Energiepolitik vor. Ergänzt wird die Ausgabe wie gewohnt mit aktuellen Meldungen und Veranstaltungshinweisen.

Werner Kiwitt, www.artefact.de
Zentrum für nachhaltige Entwicklung Glücksburg
EWIK-Mitglied