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Newsletter November 2017: Afrikanische Identitäten

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Liebe Leserinnen und Leser,

Afrika gilt als Wiege der Menschheit. Die Wiege der Menschheit wurde über Jahrhunderte ausgebeutet, unterdrückt und ihrer Würde beraubt. Angesichts der jüngsten Entwicklungen in Libyen könnte man meinen, dass sich die Geschichte wiederholt: Menschen afrikanischer Herkunft werden als Sklaven verkauft; für einen Preis, der niedriger ist, als der eines neuen Möbelstückes. 

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Sie nimmt bloß weiter ihren Lauf, denn die Ursachen und Folgen der Versklavung, des transatlantischen Sklavenhandels, Kolonialismus und Apartheid wurden nie wirklich überwunden. Der Begriff Afrika löst bis heute negative Assoziationen bei vielen Menschen aus. Es überwiegen Vorurteile über die Menschen afrikanischer Herkunft. Die Ereignisse in Libyen machen auf schmerzhafte Weise deutlich, dass der Grundsatz der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, dass alle Menschen gleich an Würde und Rechten geboren werden, Menschen afrikanischer Herkunft nicht einschließt. Das war damals in 1948 so, als die Erklärung in Zeiten des europäischen Kolonialismus verabschiedet wurde und es ist heute so, in einer scheinbar modernen Welt, in der Menschenrechte gelten, jedoch zugleich das Sterben von Tausenden von afrikanischen Migranten vor Europas Küsten toleriert wird.
Es stellt sich notwendigerweise die Frage, was das alles mit uns zu tun hat. Wir werden jedoch zu selten mit unserer Rolle in der Geschichte Afrikas konfrontiert. Selten sind wir uns der Verantwortung bewusst, die wir gegenüber Menschen afrikanischer Herkunft haben. Auch jetzt werden viele nach Libyen schauen und sich nicht betroffen fühlen. Wenn wir aber die eurozentrische Brille ablegen würden, die nur eine selektive Betrachtung der Geschichte zulässt, würden wir unsere Rolle erkennen. Wir würden erkennen, dass Rassismus eine Realität ist. Wir würden erkennen, dass Rassismus gegen Menschen afrikanischer Herkunft sich immer noch wirtschaftlich lohnt und er deshalb von seinen Profiteuren nicht bekämpft werden wird. Wir würden erkennen, dass es etwas mit uns zu tun hat, dass Menschen afrikanischer Herkunft in Ländern wie Libyen landen, mit der Hoffnung Europa zu erreichen; Europa sie aber zwingt draußen zu bleiben.

Es ist sehr zu hoffen, dass die schockierenden Bilder aus Libyen uns endlich die Augen öffnen und wir verstehen werden, dass die Wiege der Menschheit seit Jahrhunderten Schauplatz der gravierendsten Menschenrechtsverbrechen unserer Geschichte ist. Und vielleicht, vielleicht werden wir nun endlich handeln, um diesen Verbrechen ein Ende zu setzen und Menschen afrikanischer Herkunft als Menschen anzuerkennen, die gleich an Würde und Rechten geboren werden.

Ich wünsche uns allen, dass wir gemeinsam zu dieser Erkenntnis gelangen. 

Elisabeth Kaneza 
Vorsitzende, Kaneza Foundation for Dialogue and Empowerment e.V.