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Newsletter Dezember 2017: Interreligiöses Lernen

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Liebe Leserinnen und Leser,

vier von fünf Menschen dieser Welt sind religiös. Religion prägt kulturelle, soziale und politische Lebensorientierungen in der Mehrheit der Weltbevölkerung und ist eine der zentralen Ressourcen für Entwicklungsprozesse, Menschenrechtsprozesse, Widerstandskraft und Resilienz weltweit.

Die Kultur, an der Religion immer, vor allem in nicht-westlichen Gesellschaften, einen wesentlichen Anteil hat, stellt neben Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft die vierte Dimension von Nachhaltigkeit dar – das haben das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wie Auswärtiges Amt (AA) inzwischen auch offiziell in ihre Programmatik aufgenommen („Sektorvorhaben Religion und Entwicklung“).

Die Sichtbarkeit und Wahrnehmung von Religion im öffentlichen Raum hat in den letzten Jahren auch in den Industrieländern zugenommen und zu unterschiedlichen Reaktionen geführt, darunter auch zu Abwehrmechanismen und einer Haltung, nach der Religion eher nur Privatsache sei. Doch die noch in den 80er bzw. 90er Jahren in der gesellschafts- und entwicklungspolitischen Debatte vertretene These, dass mit zunehmender gesellschaftlicher Modernisierung die Religiosität in der Bevölkerung abnimmt, hat sich definitiv nicht bestätigt. Dies trifft sowohl auf den globalen Süden zu als auch – bei aller notwendigen Differenzierung im Einzelnen - auf einige Länder des Nordens.

Es gibt deshalb keinerlei Anlass, zu denken, dass Religion in globaler Sicht in Zukunft an Wichtigkeit verlieren wird. Die Rolle von Religionsgemeinschaften als Anwalt, als Dialogforum und Partizipationsraum armer und ausgegrenzter Bevölkerungsschichten, als Gestalter und Anbieter sozialer Dienste u.a. in den Bereichen Gesundheit und Bildung kann gar nicht unterschätzt werden.

Faith-based organisations (FBOs) und Religionsgemeinschaften sind immer auch aktuelle oder potentielle lokale Entwicklungsakteure und müssen von international agierenden Entwicklungsakteuren stärker wahrgenommen werden, dies wird auf UN-Ebene längst erkannt (vgl.: www.partner-religion-development.org/). Wachsenden Tendenzen zu verschiedenen Formen des religiös begründeten oder aufgeladenen Extremismus kann man nicht mit weniger Religion begegnen, sondern nur mit mehr, aber eben reflektierter, durch interreligiöse Bildung sensibilisierter und friedensethisch kompetenter Religion.

Deshalb ist interreligiöse Bildung ein integraler Bestandteil des globalen Lernens. Das UNESCO Forum on Global Citizenship Education und das damit verbundene Global Curriculum Project haben den Zusammenhang von globalem Lernen und interreligiösem Lernen mehrfach programmatisch unterstrichen.

Auch im deutschen Diskurs über Schuldidaktik und Lehrerausbildung ist das Verhältnis zwischen globalem Lernen und interreligiösem Lernen breit verhandelt worden (dazu besonders: Barbara Asbrand/Annette Scheunpflug: Zum Verhältnis zwischen interreligiösem, interkulturellem, ökumenischem und globalem Lernen, in: Schreiner, Peter; Sieg, Ursula; Elsenbast, Volker (Hg.): Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, S. 268-281.)

Brot für die Welt unterstützt vielfältige Programme von Partnern z.B. in Afrika, Asien und im Nahen Osten, die in der konkreten Friedens-, Menschenrechts- und Entwicklungsarbeit ein Maximum an interreligiöser Kooperation versuchen, darunter das Interkulturelles Dialogforum des Sozialdienstes der evangelischen Kopten in Ägypten (FID CEOSS), das Interfaith Dialogue Centre in Kaduna, Nigeria oder das Interreligiöse Umweltprogramm in Südafrika (SAFCEI) oder das Forum für Christlich-Muslimischen Dialog in Afrika (PROCMURA). In Deutschland muss das interreligiöse Lernen auch in der Praxis von Schule, Gemeinde und Eine-Welt-Gruppen viel stärker zu einem selbstverständlichen Teil aller Bildungs- und Kampagnenarbeit werden.

Pfr. Dr. Dietrich Werner
Referat Theologische Grundsatzfragen, Brot für die Welt
EWIK-Mitglied